Dienstag | 20. August 2019
 
Wülfrath  | 

„Wir Wülfrather stehen wirklich zusammen“

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Nach der Schließungsschocknachricht am Morgen, ist die Wut bei der Belegschaft von Knorr Bremse Steering Systems groß - wie auf Demo und Kundgebung zu erleben war. Mit Bildergalerie und TME-Video.

Voll war der Heumarkt bei der Kundgebung heute Nachmittag. Foto: TME

Mehrere hundert Teilnehmer haben heute am frühen Nachmittag gegen die geplante Schließung des Standorts Wülfrath von Knorr Bremse Steering Systems demonstriert – erst vor dem Werkstor, dann nach einem Demonstrationszug auf dem Heumarkt. Trötend, tutend, trillerpfeifend machten die Demonstranten ihrer Wut Luft. „Meine Message ist: Wir geben nicht auf. Wir wollen den Standort und die Arbeitsplätze erhalten“, so Betriebsratsvorsitzender Ahmed Yildiz, der dem Ansinnen von Knorr Bremse, den Abbau und die Schließung schnellstmöglich umzusetzen, eine Absage erteilt: „Wir lassen uns nicht abwickeln.“

Zur Überraschung und zum Schock der Belegschaft hatte Knorr Bremse heute Morgen mitgeteilt, den Standort Wülfrath, den man 2016 übernommen hatte, 2020 zu schließen. „Traurig und wütend“, so Renate Teucher, „haben die Kollegen reagiert.“ So einen Umgang, ringt Kadir Bicerik um Worte, hätte die Belegschaft nicht verdient. Das alles sei eine Riesensauerei. Das Gerede von einem Kompetenzzentrum Lenkung sei eine reine Farce. Was Knorr Bremse sich leiste, „ist Steinzeit-Kapitalismus“. Das Schlimme daran, so Egon Birkenkamp, „ist, dass das deutsche Recht das zulässt“.

Gegenüber TME verwies Yildiz auf ein vergleichbares Vorgehen von Knorr Bremse mit seinem Berliner Standort. „Dort hat man auch gekämpft und nicht aufgegeben. Nach Monaten des Kampfes stand fest, dass der Standort nicht geschlossen, Arbeitsplätze nicht abgebaut werden. Und das streben wir hier auch an.“

Vor den Kollegen auf dem Heumarkt gab sich Yildiz kämpferisch. Er erinnerte daran, dass im Interesse der Zukunftssicherung die Mitarbeiter auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichtet hätten. „Millionen sollten investiert werden. Aber wir wurden immer vertröstet. Besitzer Heinz Hermann Thiele, immerhin siebtreichster Deutscher, hat sich auf unsere Kosten bereichert.“ Man lasse sich aber nicht unterkriegen: „Wir Wülfrather stehen wirklich zusammen.“

Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese strich auf dem Heumarkt heraus, dass heute der 70.  Geburtstags des Grundgesetzes ist. „Im Artikel 14 heißt es: Eigentum verpflichtet – auch dazu anständige Arbeitsplätze zu erhalten.“

Obwohl an Krücken (nach einer Knie-OP), ließ es sich auch Bürgermeisterin Dr. Claudia Panke nicht nehmen, auf der Kundgebung zu sprechen. Sie verwies darauf, dass Knorr Bremse gestern noch der Stadt sagte, in Gesprächen zu sein. Angesichts der Mitteilung heute, sei das nicht mehr glaubwürdig. Eine Schließung hätte enorme Auswirkungen für die Stadt, aber insbesondere für 400 Familien. Panke: „Was Nokia für Helsinki, Opel für Bochum war, ist Knorr Bremse für Wülfrath.“ Die Stadt, versicherte sie, werde sich weiter für den Erhalt des Standortes stark machen, „für Wülfrath, aber vor allem für Sie.“

Entsetzt von der Entscheidung des Unternehmens ist die SPD-Fraktion. „Es ist eine Katastrophe für die Mitarbeiter und die Stadt“, so Fraktionschef Manfred Hoffmann. Der Inhalt der Mitteilung sei ein Hohn und durch unternehmerische Verblendung gekennzeichnet. Angesichts der verkündeten „globalen Wachstumsstrategie“ stellen sich der SPD Fragen – wie diese: „Warum kann am Standort Wülfrath nicht weiter produziert werden, wenn doch „innovative Systemlösungen bisher aus Wülfrath kommen?“ Aus Hoffmanns Sicht scheint „Führungskräfteversagen für die Ursachen der aktuellen Situation am Standort Wülfrath zu sein“.

„Unternehmer ohne Respekt“, sieht Ilona Küchler, Die Linke, in der Knorr Bremse-Führung. Deren Vorgehen sei schlichtweg skandalös.

Aus dem Rat waren auch Vertreter von Wülfrather Gruppe und Die Grünen vertreten. Die CDU hat sich schriftlich solidarisch erklärt.

 


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